Migration ist kein Trend. Es ist ein Lifestyle.

Hast du Dich schon mal gefragt wieso Boulevardzeitungen die Nationalität bei kriminellen Ereignissen hinzufügt?  Du hast vielleicht auch schon die Antwort zu dieser Frage, oder? “Es verkauft sich halt besser”. Und auch wenn manche solche Zeitungen gratis sind, sie sind nicht wirklich gratis. Viele Unternehmen, sogar der Staat wirbt in diesen Zeitungen. Sie leben von Einschaltungen und Werbung. Wie bin ich auf die Art der Berichterstattung von Heute Zeitung aufmerksam geworden? 

Als ich für ein Jahr in Bildungskarenz gegangen bin, habe ich von Firmenauto zu den Öffis wechseln müssen. Und das was auch ok. Es ist ja normal und ausserdem, nachhaltig und umweltfreundlich.

Ich begann die Heute Zeitung tagtäglich zu durchblättern. Es war mir klar, dass nicht alles was da drinnen stand, auch der Realität nah war. Und das soll jedem bewusst sein. Solche Zeitungen schreiben mehr um interessant zu bleiben, nicht um die Gesellschaft zu informieren. Mehr um sie zu unterhalten. Auf jeden Fall, es war nur nach 6-7 Monaten, dass diese konstante Übung in der U-bahn, Zeitschrift durchzublättern und mich zu unterhalten, ein gewisses Image von Menschen mit Migrationshintergrund abgebildet hatte. Irgendwie, diese tägliche Tätigkeit hat mich unbewusst negativ beeinflusst. Der Zeitung nach, waren Menschen mit Migrationshintergrund, oft Rumänen, Polen, Serben, Tschetschenen, Türken am meisten mit Delikten in Verbindung gesetzt. Am Ende dieser Monaten, hatte ich den Eindruck, dass solche Gruppen sehr schlecht für die Gesellschaft waren. Aber das war nicht die Welt die ich kannte. Ich war eine der Rumäninnen die sich sehr für die Gesellschaft und Wirtschaft engagierte. Die Pauschalierungen auf Kosten einer Person waren mir langsam zu blöd geworden.

Und so begann mein Dialog mit der Heute Zeitung. Ich stellte mir diese Frage, die du dir vielleicht auch mal gestellt hast. Wieso erwähnt man die Nationalitäten und wieso immer selektiv? Bei manchen Delikten waren keine Angaben der Herkunft, bei manchen jedoch schon. Wonach entscheiden sie welches Delikt mit Nationalität vermerkt wird?

In Januar 2015  hatte ich einen offenen Brief an die Chefredaktion der Heute Zeitung geschrieben in dem ich zur Aufmerksamkeit gebracht habe, dass sie ein falsches Image von Rumänien darstellen. Drei Wochen später und nach mehrfachen Erinnerungsemails und einem Anruf, immer noch keine Antwort. Durch einen anderen Kontakt, habe ich es jedoch geschafft. Das lang erwartetes Mail kam endlich. Und was stand da drinnen?

“…In unserer Berichterstattung bemühen wir uns, Herkunft oder Nationalität von Tatverdächtigen weder zu betonen noch zu verschweigen. Letzteres würde uns den Vorwurf einbringen, die Fakten zu verdrehen. Und es ist nun mal Fakt, dass ein gewisser Anteil an Verbrechen in Österreich von Ausländern verübt wird – aber wir berichten ja nicht deshalb darüber, weil ein Ausländer etwas angestellt hat, sondern weil das Delikt an sich für uns interessant ist. Wenn es beispielsweise ein Steirer verübt hat, werden wir das auch schreiben.
Umgekehrt stellen wir vor allem im Wien-Teil immer wieder neue Firmen oder Lokale vor, die von Zuwanderern geführt werden – und erwähnen das auch.
Mit den besten Grüßen
Peter Lattinger”

Na bitte. Sie interessieren sich nur für das Delikt. Dann fragte ich mich wozu sie die Nationalität erwähnen müssen…Nun, als ich das las, war ich immer noch nicht gescheiter.  Ich wollte mehr wissen. Und so habe ich eine Recherche gemacht um ihnen zu beweisen wie oft sie MigrantInnen im negativen Licht darstellen und wie wenig sie uns im positiven Licht zeigen. Genauso, wollte ich ihnen bewusst machen, dass sie sehr selten Österreicher erwähnen und, dass sie einfach zur Diskriminierung beitragen. Hier findest du ein Link zu der gesamten Recherche.

Bildschirmfoto 2016-06-22 um 16.43.21Aber in kurz, aus 65 Delikten, die ich aus 10 Zeitungen zählen konnte, die Hälfte davon waren ohne Angabe der Herkunft. Aus der zweiten Hälfte, bei 9 Delikten waren Österreicher erwähnt und bei 25 waren MigrantInnen. Dass sie sich “bemühen die Nationalität von Tatverdächtigen weder zu betonen noch zu verschweigen” war ziemlich weit davon entfernt. Zweitens, wenn sie die Nationalität bei Österreichern erwähnten, hier ein Beispiel von einem “Österreicher mit egyptischen Wurzeln” (Seite 4 in der Recherche), dann haben sie damit ihren Job getan. Dann ist er nicht wirklich Österreicher, oder? Sie müssen die Wurzeln noch erwähnen. Lächerlich. Sogar in der zweiten Generation wird man als MigrantIn bezeichnet.

Was noch interessanter ist? Weißt du wer die meisten Kriminellen in Österreich sind? Nach Migrationsgruppen? Die Deutschen. Liest du aber über sie so oft, dass dir diese Wahrnehmung vermittelt wird? Nein. Weil keiner interessiert so etwas. Aber wenn es ein Rumäne ist, dann läuten schon die Ohren bei gewissen LeserInnen. Daher die Bevorzugung über sie mehr zu schreiben. Weil sie mehr auffallen. Ich will auch nicht damit die Deutschen schlecht reden. Ich will nur betonen wie die Zeitungen diese Selektion und Bevorzugung von Delikten und  Art der Berichterstattung machen.

Bei den positiven Ereignissen? Na ja, keine Überraschung, oder? Null Angaben von Herkunft.

Bildschirmfoto 2016-06-22 um 16.42.11
Visualisierung der Ergebnisse

Was kam als Antwort zurück? Dass ich  ihnen trotzdem nicht vorwerfen konnte, dass sie zur Diskriminierung beitragen. Ich dachte, dass meine Recherche genau das bewiesen hatte… Auf jeden Fall, ich hatte es verstanden. Sie übernehmen keine Verantwortung, sie bekennen sich nicht als Mitverantwortlicher der negativen Wahrnehmung rundum MigrantInnen und ignorieren einfach alles was ihren Realität nicht entspricht. Hauptsache es gibt genug Stoff worüber man schlecht schreiben kann.

Die Geschichte endet nicht hier aber. Ich wollte wissen was andere in dieser Hinsicht dagegen bewegen. Ich habe lange recherchiert und habe viele Institutionen angeschrieben. (Kobuk, SPÖ, OIF, Stadt Wien,Zara usw). Alle haben auf die Existenz eines gewissen Ehrenkodex hingewiesen. Als ich mich dann damit beschäftigt habe, habe ich zwei Paragraphen gefunden:

7.2. Jede Diskriminierung wegen des Alters, einer Behinderung, des Geschlechts sowie aus ethnischen, nationalen, religiösen, sexuellen, weltanschaulichen oder sonstigen Gründen ist unzulässig. 

 Ziffer 12, Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten.“In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.”

Als ich dann mit dem Presserat gesprochen habe und mich mit dem Geschäftsführer Alexander Warzilek getroffen habe, habe ich schnell verstanden, dass ein Gesetz zur Kontrolle der Berichterstattung dieser Art gegen die Pressefreiheit stossen würde, daher gibt es leider kein Gesetz und keine Möglichkeit wirkungsvoll dagegen zu kämpfen. Ein “begründeter Sachbezug” ist sehr relativ beschrieben. Wann ist der Sachbezug begründet? Wenn man sagt, ” ein Rumäne hat jemanden in der U-Bahn bestohlen” beispielsweise, was begründet genau das Recht diese Person mit der Nationalität in Verbindung gebracht zu werden? Wozu ist das relevant? Wenn die heute Zeitung sich eher für das Delikt interessiert, dann wieso können sie  die Herkunft nicht weglassen? Wo ist die Grenze genau? Es ist alles frei interpretierbar. Und daher gibt es nur einen Ehrenkodex, der eher als Richtlinie zu verstehen ist. In Kanada ist es so, dass Zeitungen, egal worüber sie berichten, keine Nationalität erwähnen, außer sie alle als Kanadier bezeichnen. Dort sind alle eine Nation. Und es ist verboten andere Nationalitäten schlecht zu reden. Und das nimmt keiner als Ausgrenzung der Pressefreiheit sondern sie haben alle erkannt, dass es zu Diskriminierung führt. Schlicht und einfach. Man muss nicht vorher beweisen, dass es diskriminierend ist sondern sie nehmen das wahr. Wieso müssen wir es hier beweisen? Ganz ehrlich… Es geht hier um keinen Verstoß der Pressefreiheit. Egal wer was dagegen zu sagen hat. Es ist Hausverstand. Pure common sense. Je öfter man eine Gesellschaft schlecht beredet, desto negativer fällt sie auf. Und so bilden sich falsche Meinungen und Vorurteile. Hausverstand.

Zurück zum Presserat. Das Einzige was möglich war, hat der Presserat meiner Recherche nach, trotzdem machen können. Sie haben eine Presseaussendung/ Mahnung rausgeschickt.  Was nicht ohne Wirkung bleibt, laut dem Presserat. Sie sind auf jeden Fall die einzigen, die sich aktiv mit der Wahrnehmung der Berichterstattung in den Medien beschäftigen und kontrollieren immer jeden  Artikel, der irgendwie gegen jemanden diskriminiert. Also, falls du solche Artikel siehst, einfach weiter an den Presserat schicken. Sie sind sehr bemüht und helfen immer.

Also, was habe ich nach 6 Monaten gelernt? Dass ich nichts tun kann. Heute Zeitung, Österreicher, Krone Zeitung- diese Boulevardzeitungen sind nicht Mitglied des Presserats. Wären sie Mitglieder, würden sie sich einem verantwortungsvollen und ethischen Handeln in der Berichterstattung verpflichten müssen. Solche Zeitungen leben von der Verbreitung von negativen Berichterstattung. Die Tatsache, dass sie teilweise gratis sind und überall greifbar sind, gibt solchen Zeitungen viel Macht. Obwohl sie die Gesellschaft beeinflussen, ihre Art der Berichterstattung bleibt ohne Sanktionen. Ich frage mich nur, wenn es eben die Presse und Meinungsfreiheit gelten soll, wo ist denn meine Freiheit und meine Meinung vertreten? Solche Zeitungen beschränken die Erfolgschancen vieler MigrantInnen auf der Arbeitssuche, weil unsere Herkunft eine große Rolle auf dem Arbeitsmarkt spielt- es ist ein Kriterium, der mehr als oft als negativ beurteilt wird. Es gelten nicht die Qualifikationen. Es gilt das Herkunftsland. Unsere Rechte werden nicht vertreten, jedoch dürfen solche Zeitungen über uns unverschämt schreiben und uns überall pauschalieren.  Wo sind denn unsere Rechte vertreten? MigrantInnen sind nicht zweitrangig. Sie sind sehr wichtig für die Entwicklung eines Landes. Wir sind ja alle MigrantInnen. Es ist nur eine Sache von wie weit nach hinten geschaut wird. Migration ist kein Trend. Es ist ein Lifestyle. Und das gehört gefeiert, nicht verspottet.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s